Bericht SWR-RP

Luu´s Geschichte

1976 übernimmt das kommunistische nordvietnamesische Regime die Macht in Südvietnam. Schockierende Bilder gehen um die Welt. Hunderttausende Südvietnamensen flüchten, riskieren ihr Leben, um Folter, Verfolgung, Haft oder Tod zu entkommen. Vielen gelingt es nicht, das nackte Leben zu retten. Sie sterben auf ihrem Weg in eine bessere Zukunft. Einer, dem Flucht gelingt, ist Herr Luu. Er kommt nach Deutschland, baut sich ein bescheidenes, neues Leben in Sicherheit und Freiheit in Niederfischbach auf, hat Freunde, ein Auskommen. Jetzt hat man ihm all das genommen – seine Sicherheit, seine Freiheit, seine Freunde, seine Heimat. Das Schicksal hat Herrn Luu eingeholt. Der Kreis Altenkirchen veranlasste seine Abschiebung nach Vietnam – nach 18 Jahren.  Eine Abschiebung in ein Land, in dem Herr Luu nicht willkommen ist. In den Slums von Saigon kämpft Herr Luu schwer erkrankt ums nackte Überleben.

1988; Rückblende: Herr Luu ist Lehrer von Beruf, unterrichtet Kinder.  Für die Nordvietnamesen, die neuen Machthaber im Süden des Landes, Grund genug, ihm zu misstrauen, ihn auf die Liste der Menschen zu setzen, die dem neuen Regime im Wege stehen. Für Herrn Luu bedeutet das – wie für viele andere Menschen auch - dass ihr Leben nicht mehr sicher ist. Die einzige Alternative: Flucht.

Nach zwei Jahren gelingt es Herrn Luu endlich, 1990 die Bundesrepublik zu erreichen. Viele seiner Familienmitglieder sind inzwischen Opfer des neuen Regimes geworden. Doch Herrn Luus Asylverfahren wird – aus heutiger Sicht unverständlicherweise – in Deutschland abgelehnt.

Dennoch darf Herr Luu bleiben. Die neue Regierung seines Heimatlandes weigert sich, ihm einen Pass auszustellen. Er kann und darf nach geltendem Recht nicht abgeschoben werden. Zuständig für Herrn Luus “Betreuung” in Deutschland ist die Ausländerbehörde des Kreises Altenkirchens, in deren Einzugsbereich er lebt – in der Gemeinde Niederfischbach.

14 Jahre lang lebt Herr Luu hier, findet eine kleine Wohnung, will für seinen Lebensunterhalt sorgen – er ist bereit jede Arbeit anzunehmen, will niemandem zur Last fallen. Wie vielen Ausländern in Duldung wird auch Herrn Luu die Erteilung einer Arbeitserlaubnis extrem erschwert, obwohl er mehr als eine Stellenzusage vorweisen kann.

Nicht nur Herr Luu kämpft darum, arbeiten zu dürfen, auch sein (künftiger) Arbeitgeber, der Geschäftsführer der Firma Synchroline, setzt sich immer wieder für Herrn Luu ein. Zweieinhalb Jahre arbeitet er bei diesem Unternehmen. In dieser Zeit  macht sich sein Arbeitgeber immer wieder dafür stark, dass die Arbeitserlaubnis verlängert wird – von Quartal zu Quartal…aber eine langfristige Arbeitserlaubnis wird nicht erteilt. Die Behörden weigern sich, zögern Genehmigungen hinaus…

Die ständige Unsicherheit und mangelnde Planungssicherheit veranlasst den Arbeitgeber nach zweieinhalb Jahren, im Einvernehmen mit Herrn Luu, das Arbeitsverhältnis bis zur Klärung seines Aufenthaltsstatus ruhen zu lassen.

Im Jahr 2005 ändert sich das Leben des Herrn Luu. Er wird offiziell zum “Vietnamesen”. Herr Luu wird zu einer sogenannten Sammelanhörung in eine Frankfurter Polizeikaserne einbestellt. Vietnamesische Polizeibeamte sind angereist. Die Kaserne mitten in Deutschland wird zu einem “Stück Vietnam” – offiziell zu exterritorialem Gebiet.  Auf diesem “Gebiet” stellen die Polizisten Herrn Luu einen vietnamesischen Pass aus. Er ist jetzt “offiziell” vietnamesischer Staatsbürger, und das bedeutet: Herr Luu darf abgeschoben werden. 15 Jahre lebt Herr Luu zu diesem Zeitpunkt in Niederfischbach, hat Freunde, soziale Kontakte, und eine Arbeitsstelle, die immer noch für ihn frei gehalten wird.

Herr Luu hat Angst. Er klagt vor dem Verwaltungsgericht Koblenz, fordert sein Recht auf freie Entfaltung seiner Person ein. Er ahnt, dass seine Chancen nicht gut sind. Unterstützt und beraten von seinen Freunden, die nicht fassen können, was mit Herrn Luu, einem Menschen aus ihrer Mitte geschehen soll, will Herr Luu erreichen, dass sein Fall vor dem internationalen Gerichtshof für Menschenrechte verhandelt wird. Vor diesem europäischen Gericht müssen Fragen von Menschenrechtsverletzungen geklärt werden. Doch dazu kommt es nicht mehr…

Noch bevor die Richter in Strassburg den Fall aufnehmen, wird Herr Luu Ende Oktober 2006 aus seiner Wohnung abgeholt und ins Gefängnis gebracht. Nach 16 Jahren in Niederfischbach soll er nach Vietnam abgeschoben werden.. (Siehe auch: Was uns empört) Absurd: zur gleichen Zeit verabreden sich die Innenminister der Länder, um für Menschen, die seit vielen Jahren in Deutschland “geduldet” werden, eine Lösung zu finden, Voraussetzungen für ein “Bleiberecht” zu verabreden. Die Lösung wird amtlich – doch darauf wartet der Kreis Altenkirchen nicht.

Einen Tag nach seiner Verhaftung muss Herr Luu auf dem Frankfurter Flughafen seine Reise nach Saigon antreten.

Hier endet die Fürsorgepflicht des deutschen Staates für einen Menschen, der 16 Jahre lang in seiner Obhut lebte. Aber die Geschichte des Herrn Luu endet hier nicht.

In dem Land, aus dem er floh, um sein Leben zu retten, droht ihm jetzt der Tod. Wieder scheitert er an den Behörden – dieses Mal in Vietnam. Man verweigert ihm Arbeitserlaubnis und Aufenthaltspapiere. Er vegetiert in den Slums von Saigon, hat nicht einmal eine eigene Wohnung.

Eine schwere Infektion hat Herrn Luu krank gemacht. Doch einen Arzt kann er sich nicht leisten. Er hat kein Geld, musste sein bescheidene Habe in Deutschland zurück lassen. Ohne medizinische Versorgung und ohne Einkommen lebt Herr  Luu in einem Hochwassergebiet, am Rande der Gesellschaft ein Leben, das keines ist.

Er lebt dort ohne Chancen auf Integration, hat nach 18 Jahre in Deutschland hier weder Familie noch Freunde, weder Perspektive, noch Hoffnung. Und keiner weiß, wie lange er (über)leben wird. Für die Behörden in Vietman existiert Herr Luu nicht, für die Behörden in Deutschland existiert Herr Luu scheinbar nicht mehr.

 

Noch lebt Herr Luu, und seine Freunde in Deutschland kämpfen für sein Leben, Für sie existiert Herr Luu – als Mensch und als Freund.

URIPRESS Presseagentur / Susanna Stubbe